Kein Surfer, der es ganz nach oben schaffen will, kommt an Pipeline vorbei – dieser brutalen, menschenfressenden Barrel an der North Shore. Der deutsche Pro Leon Glatzer ist gerade aus Hawaii zurückgekommen und hat uns von seinen Pipe-Erlebnissen erzählt.

Fotocredit: Chiara Ferrari

1. Kannst du dich noch an dein erstes Mal auf Hawaii erinnern?

Nein, denn das war bei meiner Geburt. Danach sind wir nach Costa Rica gezogen, wo ich auch aufgewachsen bin. Erst als ich 18 war, also vor zwei Jahren, bin ich nach Hawaii zurückgekehrt. Ich erinnere mich noch, wie ich damals das Volcom-Haus betreten habe und durch das Wohnzimmerfenster ein riesiges Set in Pipeline brechen sah. Ich dachte nur: Oh mein Gott! Es hatte ungefähr 15 Fuß, aber ich paddelte noch am gleichen Tag raus und war ziemlich überrascht, wie viel Energie und Power die Wellen hatten. Im Lineup herrschte ein seltsamer, angsteinflößender Vibe und eine gewisse Nervosität lag in der Luft. Von den 60 Surfern, die sich den Peak teilten, wollte jeder die nächste Welle haben. Nach zwei Stunden Warten hatte ich immer noch nicht gesurft und es wurde schon langsam dunkel. Mir blieb nichts anderes übrig als eine Closeout-Welle zu nehmen.

2. Was unterscheidet Pipeline von allen anderen Wellen, die du bisher gesurft bist?

Hawaii ist generell der gefährlichste Ort, den ich je gesurft bin, denn die Wellen hier haben einfach viel mehr Kraft! Pipeline selbst ist unglaublich schwer zu surfen. Nicht nur weil die Welle so verdammt steil ist und in extrem seichtem Wasser bricht, sondern auch weil es nirgendwo einen Lineup gibt, der härter umkämpft ist. Aber wenn du es schaffst, eine Pipe-Welle zu surfen, dann ist das garantiert die Barrel deines Lebens!

3. Was sollte man in Pipeline auf keinen Fall tun?

Wenn einer der Locals eine Welle anpaddelt, geh ihm aus dem Weg! Localism ist auf Hawaii eine große Sache und unbedingt ernst zu nehmen. Das Letzte, was du möchtest, ist mit einem Local zusammenzustoßen. Ich habe schon einige Situationen miterlebt, in denen Surfer aus dem Wasser geschickt wurden.

4. Wie haben die Locals auf dich reagiert, als sie erfahren haben, dass du Deutscher bist?

Den Locals ist es ziemlich egal, wer du bist und woher du kommst. Das Einzige, was sie interessiert ist, dass du sie respektierst! Nur so verdienst du dir auch eine Welle und einen Spot im Lineup.

Leons Hinterkopf, nachdem er dem Pipe-Riff zu nahe gekommen ist.
Leons Hinterkopf, nachdem er dem Pipe-Riff zu nahe gekommen ist.

5. Was war dein bisher schlimmstes Erlebnis in Pipeline?

Als ich am 1. Februar diesen Jahres auf einer riesigen Closeout-Welle „over the falls“ ging und mit meinem Hinterkopf auf dem Riff einschlug! Ein paar Sekunden lang kribbelte es wie verrückt in meinem ganzen Körper und ich war sogar kurz bewusstlos. Als ich wieder wach wurde, war ich glücklicherweise schon wieder über Wasser, schnappte mir mein Board und rannte zum Volcom-Haus. Ich hatte keine schlimme Verletzung, nur eine kleine Platzwunde am Hinterkopf, stand aber total unter Schock. Das war mit Sicherheit der schlimmste Surfunfall, dem ich jemals hatte!

6. Kannst du deine bisher beste Pipeline-Welle beschreiben?

Das war an einem Januartag im letzten Winter (Anm. der Red.: Die Welle ist auch im aktuellen PRIME Surfing #2 auf Seite 12 zu sehen). Die Wellen hatten ungefähr 15 Fuß und waren alles andere als clean. Es gab jede Menge Closeouts und Cleanup-Sets, daher waren auch nur ein paar wenige Surfer im Wasser. Ich saß ziemlich tief, sah eine perfekte Welle auf mich zukommen und paddelte so schnell ich konnte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich aufstand und nichts außer diesem leisen Donnern der um mich herum brechenden Barrel hörte – das war ein unglaubliches Erlebnis!

7. Wenn du auf Hawaii bist, wohnst du im Volcom-Haus direkt vor Pipeline, das berühmt-berüchtigt für seine exzessiven Parties ist. Geht es dort wirklich so wild zu?

Nein, ganz im Gegenteil – im Haus herrscht ein sehr entspannter Vibe. Wir chillen viel, trainieren jeden Tag, gehen surfen und essen Poke Bowls (Anm. d. Red.: marinierter roher Fisch mit Reis – ein kulinarisches Highlight an der North Shore!).

Leon zieht nicht nur in steile Pipeline-Barrels, sondern kann auch Airs – und was für welche! Credit: @mattcossovich, @lupproducciones