Stell dir vor, du stehst am Strand, jemand verbindet dir die Augen und sagt: „Jetzt paddel raus und surfe ein paar Wellen.“ Unmöglich, denkst du? Vielleicht für dich! Nicht für Hansi Mühlbauer. Denn der 36-Jährige aus Nürnberg ist zwar seit seiner Kindheit blind, einen Urlaub ohne Surfen kann er sich trotzdem nicht vorstellen.

Wie kommt ein Nürnberger, der weit weg vom Meer lebt, auf die Idee zu surfen?

Das war purer Zufall. Ich singe in einer Rockband, und unser Gitarrist, der gleichzeitig ein sehr guter Freund von mir ist, surft schon seit 15 Jahren. Er hatte das Video von Derek Rabelo, dem blinden Surfer aus Brasilien, gesehen und meinte danach: „Das kannst du auch!“ Wir waren vorher schon oft gemeinsam mountainbiken, joggen oder auch klettern. Er wusste also, dass ich recht sportlich bin, und als er auf seinen nächsten Surftrip nach Guadeloupe ging, flog ich mit. Wir fanden sogar eine Surfschule, die bereit war, mich zu unterrichten. Es gab nur zwei Voraussetzungen: Ich müsste Englisch sprechen und schwimmen können. Kurz bevor es losging, habe ich dann in einem See versucht, auf einem Shortboard zu paddeln. Das hat aber einfach gar nicht funktioniert. Ich weiß noch, dass ich dachte: Wenn ich nicht einmal auf so einem Ding liegen kann, wie soll ich dann jemals darauf stehen?

Wie war dein erster Tag am Meer?
Ich hatte wahnsinnige Angst! Ich sehe ja nichts und habe im Meer keinerlei Orientierung, weil es keine festen Begrenzungen gibt. Dazu kommen die Wellen, die urplötzlich ohne Vorwarnung über mich hereinbrechen oder mir den Boden unter den Füßen wegreißen. Aber für mich sind Ängste da, um überwunden zu werden. Nur so kann man seine eigenen Grenzen verschieben. An meinem ersten Tag in Guadeloupe haben wir dann erst einmal Takeoffs am Strand geübt und sind danach ins Weißwasser gegangen. Da hat es nicht lange gedauert, bis ich zum ersten Mal auf dem Board stand und mich das Surffieber gleich voll erwischt hat. Das war vor drei Jahren, seitdem habe ich fünf bis sechs Surftrips gemacht.

Was ist das Schwierigste für dich beim Surfen?
Vom Strand aus in den Lineup zu kommen. Als Blinder kann ich nicht einschätzen, wie groß die Wellen sind und wann sie vor mir brechen. Wenn ich dann die fünfte Welle aufs Dach bekommen habe, bin ich meistens so außer Puste, dass ich merke, wie die Panik in mir aufsteigt. Daher ist ein Surflehrer für mich so wichtig. Er ist neben mir, wenn wir rauspaddeln, und sagt mir, wann ich vor einer Welle untertauchen muss. Die letzten beiden Surftrips gingen nach Portugal, wo ich immer mit Rico vom Surftaxi Peniche unterwegs war. Mittlerweile sind wir so aufeinander eingespielt, dass ich schon am Tonfall seiner Stimme erkenne, ob alles easy ist oder es gleich etwas turbulenter wird. Mit ihm habe ich fast gar keine Angst mehr.

Was Hansi beim Surfen besser kann als viele andere, erzählt er auf der nächsten Seite.