Bricht Sylt entzwei?

„Sylt verliert seine Südspitze“ war letzte Woche in etlichen Zeitungen zu lesen. Aber stimmt das wirklich und was würde das für unser deutsches Surfparadies in der Nordsee bedeuten? Wir haben nachgefragt – bei Lars Kossowski, der seit seiner Kindheit auf der Insel lebt, bei jedem Swell mit der Holmstrom-Crew auf Wellenjagd geht und mit seinem Bruder sowie seinem Vater die Gruppe „Rettet die Hörnum Odde“ ins Leben gerufen hat.


Die Südspitze Sylts oder die Hörnum Odde, wie sie eigentlich heißt, bedeckte 1972 noch die Fläche von 151 Fußballfeldern. Wie groß ist jetzt der Rest, der noch übrig ist?

Kann ich nicht genau sagen. Klar wird aber die enorme Verkleinerung, wenn man die Odde heute umrundet. Das dauert nicht einmal mehr eine Stunde.

Früher und heute: die gestrichelte Linie entspricht dem aktuellen Umriss der Insel. Wo auf der linken Seite der Insel der Knick im Strand zu sehen ist, wird die Südspitze abbrechen.
Früher und heute: die gestrichelte Linie entspricht dem aktuellen Umriss der Insel. Wo auf der linken Seite der Insel der Knick im Strand zu sehen ist, wird die Südspitze abbrechen.

Wie schätzt du die Entwicklung ein? Wird die Südspitze wirklich abbrechen?

Mit Sicherheit wird der Überrest der Odde auch noch überspült werden und die Südspitze so immer kürzer. Vielleicht noch ein, zwei Stürme, dann ist der kleine Rest nur noch eine Sandbank. Als nächstes folgen dann Randdünen weiter nördlich, die anfangen werden abzubrechen.

Wie weit ist das von deiner Haustür entfernt? Du wohnst ja in Hörnum, dem südlichsten Ort der Insel…

Ja, aber ich wohne quasi am Ortsausgang, also im Norden von Hörnum und wir haben auch ziemlich hohe Randdünen. Sollte das Wasser tatsächlich hier bis zum Garten stehen, dann würde ganz Nordfriesland wahrscheinlich auch „Land unter“ melden.

Die Küstenlinie der Südspitze Sylts: 1972, 2006 und 2013.
Die Küstenlinie der Südspitze Sylts: 1972, 2006 und 2013.

Kann man erkennen, wo die Bruchlinie entsteht?

Ja, ganz deutlich, genau am Ende des vor zwei Jahren zum Küstenschutz verlängerten Tetrapoden-Längswerks. Da kann die Nordsee auf voller Linie angreifen und spült den Strand immer weiter aus.

Man hört, dass auch die Küstenschutzbauten zum Teil für die Erosion der Südspitze verantwortlich sind. Würdest du dem zustimmen?

Teils teils – auf jeden Fall kann man sagen, dass der Bereich direkt hinter den Tetrapoden gut geschützt ist. Dort gab es auch keine neuen Dünenabbrüche zu verzeichnen. Weiter südlich, am Ende der Tetrapoden kommt es aber zu Erosion, was das Schrumpfen der Odde mit Sicherheit beschleunigt hat. Vielleicht hätte man das Längswerk bis ganz zum Ende der Südspitze legen sollen.

Tonnenschwere Tetrapoden aus Beton sollen die Küste befestigen. Foto: Karsten Kossowski
Tonnenschwere Tetrapoden aus Beton sollen die Küste befestigen. Foto: Karsten Kossowski

War die Südspitze für Surfer jemals interessant?

Klar, das war eigentlich immer ein guter Spot bei richtigem Onshore-Geballer. Ich war da bei allen Bedingungen im Wasser, solange die Gezeiten passten und es irgendwie surfbar war. Der große Vorteil war, dass es dort ein bisschen Schutz vor dem Wind gab. Aber seit der letzen Verlängerung des Tetrapoden-Schutzwalls vor zwei Jahren kommt da leider kaum mehr Swell an. Durch die Verkürzung der Odde könnte es jetzt aber mehr Probleme für die Ostseite geben, also am Hafen, an der vom Meer abgewandten Seite der Insel. Denn da kommen dann mehr Wellen an,was aber auch bedeutet, dass es dort surfbare Bedingungen geben könnte. Einmal war ich da schon im Wasser – während des Orkans Xaver, der mit 60 Knoten die Wellen um die Inselspitze herumtrieb und sie an der Ostseite entlangperlen ließ.

Ein Bild aus der guten alten Zeit, als Lars noch an der Odde im Süden der Insel surfte. Der Leuchturm im Hintergrund ist jetzt auch nicht mehr vorhanden, da schwappt jetzt die Nordsee.
Ein Bild aus der guten alten Zeit, als Lars noch an der Odde im Süden der Insel surfte. Der Leuchturm im Hintergrund ist jetzt auch nicht mehr vorhanden, da schwappt nun die Nordsee. Foto: Karsten Kossowski

Ist die Südspitze der einzige Ort auf Sylt, der so von der Erosion betroffen?

Man merkt natürlich auch in Hörnum Nord, wo ich wohne, dass das Wetter extremer wird. Die Düneneabbrüche werden häufiger und die Insel somit schmaler. So verändern sich aber auch immer die Sandbänke vor der Insel. Gerade jetzt, wo viel Sand auf den Bänken liegt, ist es ziemlich gut zu surfen. Mehr Stürme bedeutet auch mehr Wellen: gut für Surfer, schlecht für Sylt.

Klassische Sylter Surfbedingungen ist man gewöhnt, wenn man auf der Insel aufgewachsen ist.
Klassische Sylter Surfbedingungen ist man gewöhnt, wenn man auf der Insel aufgewachsen ist. Foto: Karsten Kossowski