Auf Hawaii wurden Rekordwellen gesurft, in Snapper’s liefen Tubes von mechanischer Präzision und in Italien sprachen Surfer von den Wellen ihres Lebens. War der Winter wirklich so gut? Wir haben Ben Freeston gefragt, den Chefvorhersager von Magicseaweed.


1. Uns kommt es so vor, als ob seit Dezember ein perfekter Swell nach dem anderen anrollte und das nicht nur von Hawaii bis nach Australien, sondern auch im Mittelmeer. War dieser Winter also wirklich ein Geschenk für alle Surfer, egal an welcher Küste?

Nein, definitiv nicht. Wir hören eben immer nur von den guten Tagen, von den schlechten spricht niemand. Klar hat El Niño an einigen Orten für außergewöhnliche Sessions gesorgt. Aber in Irland war der Winter ein einziges Desaster, in England war er ziemlich mies, und in Mikronesien sorgte El Niño für ununterbrochenen Onshore. Nur, um ein paar Beispiele zu nennen.

Snappers kurz nach Sonnenaufgang. Es gibt Gerüchte, dass eine Welle tatsächlich ungeritten blieb.
Snapper´s sah kurz nach Sonnenaufgang häufig genau so aus. Es gibt Gerüchte, dass trotzdem eine Welle tatsächlich ungeritten blieb. Und es gab eine Welle, mit 7 Tubes hintereinander.

2. Ist es reiner Zufall, wenn auf beiden Seiten des Pazifiks, im Atlantik und sogar im Mittelmeer gute Swells entstehen oder gibt es globale Zusammenhänge?

Alles steht in Verbindung zueinander. Nur wissen wir noch nicht, wie genau. Zum Beispiel gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen den Schneefallmengen zu Beginn des Winters in Sibirien und den Wellen in Irland.

3. Von Jaws, Mavericks und Snapper´s sahen wir diesen Winter etliche Aufnahmen, die wir uns kaum besser vorstellen könnten. Waren diese Swells wirklich so gut oder wurde alles nur medial „overhyped“?

El Niño war schon etwas Besonderes diesen Winter. Tatsächlich haben wir das Wetterphänomen überhaupt erst zwei Mal so ausgeprägt erlebt, seitdem wir die Wetterdaten aufzeichnen. Außerdem war es wohl der erste starke El Niño, seitdem die Big-Wave-Szene begonnen hat, Wellen von 40 oder 60 Fuß anzupaddeln. Das ist der Grund, warum wir Bilder zu sehen bekamen, die es vorher einfach noch nie gab. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass wir den nächsten solchen El Niño erst in 15 Jahren sehen.

Shane Dorian in Jaws
Shane Dorian in Jaws. Shane meinte auch, dass er Glück hatte, diesen Winter genau auf dem Peak seiner Leistungsfähigkeit zu erleben. Denn beim nächsten El Niño könnte er schon zu alt sein.

4. Würdest Du als professioneller Swellbeobachter sagen, dass der Winter in Sachen Wellen außergewöhnlich war?

Abgesehen vom El Niño im Pazifik würde ich nicht sagen, dass der Winter außergewöhnlich war. Es gibt ständig perfekte Wellen irgendwo auf der Welt und dafür schlechte Bedingungen an einem anderen Ort. Zum Beispiel veränderte El Niño die normale Wetterlage über dem Pazifik, indem das Jetstreamband (=Windband in großer Höhe) dort weiter südlich verlief. Das sorgte einerseits für die schlechten Surfbedingungen im Atlantik rund um Großbritannien und bescherte höchstwahrscheinlich gleichzeitig den Surfern im Mittelmeer einen Winter, den sie so schnell nicht vergessen werden.

Robertos Belohnung nach fünf Stunden Autofahrt: Varazze so gut und leer wie selten. Foto: Roberto Montanari/ Surcforner.it
Die Iren saßen im Sturm und die Italiener hatten gut lachen: Varazze im Februar so gut und leer wie selten. Foto: Roberto Montanari/ Surcforner.it

5. Gab es diesen Winter einen Swell, den du als perfekt bezeichnen würdest?

Für mich als Forecaster gab es keinen außergewöhnlichen Sturm. Klar, es gab große Swellereignisse für Hawaii, aber nichts, was an den El Niño-Winter 1998/99 herankam. Damals gab es einen Swell, der zu groß für Jaws war. Der Spot war komplett „maxed out“, so etwas gab es diesen Winter nicht. Außergewöhnlich war in den letzten Monaten eher die Zahl der großen Swells, es schien ja teils kein Ende mehr zu nehmen.

6. Und wie geht es jetzt weiter?

Ein Blick in die Zukunft ist immer schwierig. Aber nach einem starken El Niño folgt ziemlich sicher ein starkes El Niña-Ereignis. Also genau der gegenteilige Effekt mit stabilerem Wetter rund um den Pazifik. In Bezug auf den Atlantik müsste das zu viel geringeren Windgeschwindigkeiten führen und zu einer aktiveren Hurrikansaison, wobei das erst gegen Ende des Sommer und im Herbst interessant wird.

7. Noch eine Frage zum Schluss: Pünktlich zum Ostersonntag trifft in Bells Beach immer ein großer Swell ein. Auch dieses Jahr war es wieder so beim Rip Curl Pro Contest. Wer steuert das?

Okay, das Datum des Ostersonntags wird immer nach Mondphasen bestimmt. Aber Mondphasen haben nichts mit Wellen zu tun, nur mit Gezeiten. Also muss es einen anderen Grund geben. Ich glaube, es handelt sich dabei eher um einen Bestätigungsfehler, also die Neigung, Informationen so auszuwählen, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen. Sprich, wir erinnern uns nur an die großen Swells am Ostersonntag in Bells Beach und blenden die anderen einfach aus. Aber natürlich beginnt rund um Ostern in Australien langsam der Winter, was große Swells wahrscheinlich macht.

Pünktlich zu Ostern auch dieses Jahr: Solider Swell auf dem Weg nach Bells.
Pünktlich zu Ostern auch dieses Jahr: Solider Swell auf dem Weg nach Bells.

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