Nazaré so hautnah zu erleben, dass du morgens vom Donnern der brechenden Wellen geweckt wirst oder Surflegenden wie Shane Dorian auf der Wellenjagd zu begleiten, hört sich spannend an. Ist es auch, aber auch so stressig, dass manchmal nicht einmal Zeit zum Essen bleibt, weiß Carlos Ferrari. Denn der 28-jährige Spanier, der aus Madrid kommt und seit einiger Zeit in Hossegor an der französischen Atlantikküste lebt, hat das alles schon erlebt.

„Ich kam vor fünf Jahren aus Spanien nach Hossegor. Zuerst lief auch alles gut an: Ich machte ein Praktikum bei Element, danach bekam ich die Chance, eine kleine Skateboardtour mit 25 Stopps zu organisieren. Daraufhin folgte ein Angebot von Element (wobei die härteste Herausforderung war, dass ich Französisch lernen musste). Doch dann brach die Krise über die Surfindustrie herein. Alle wurden entlassen und ich natürlich auch. Es war der 28. Dezember, meine Sachen waren gepackt und ich bereit, schon am nächsten Tag wieder nach Madrid zu gehen, da hörte ich von dem Job bei Billabong als Teammanager. Sofort bewarb ich mich, und als man meinte, dass ein Empfehlungsschreiben gut wäre, brachte ich elf verschiedene und bekam schließlich die Zusage. Jetzt bin ich praktisch 24 Stunden am Tag abrufbar, wenn ich gebraucht werde. Nicht erreichbar zu sein gibt es bei mir nur, wenn ich mit der Billabong Adventure Division, der Big-Wave-Einheit, auf Wellenjagd bin.

Carlos nach getaner Arbeit: Der Jeski glänzt wie neu.
Carlos nach getaner Arbeit: Der Jetski glänzt wie neu.

Angefangen hat alles, als François Liets, praktisch der Gründer und Mastermind hinter der Billabong Adventure Division, recht verzweifelt ins Büro kam. Es war ein riesiger Swell im Anmarsch, und dem Team war ein Jetski-Fahrer abgesprungen. François könnte zwar den Jetski übernehmen, aber er brauchte noch einen zweiten Mann, der ihm hilft. „Ich bin dabei“, sagte ich sofort. Doch François kannte mich nicht und war daher zuerst etwas skeptisch. Aber schließlich hatte er keine andere Wahl, und schon am nächsten Tag begannen die Vorbereitungen: Zwei Jetskis holen, an die Autos hängen, Boards holen… Dann Abfahrt um fünf Uhr morgens und ab auf die Straße nach Nazaré.

meine erste Tour mit der Adventure Division begann im Dezember 2014 mit einer zwölfstündigen Autofahrt.

So begann meine erste Tour mit der Adventure Division im Dezember 2014 mit einer zwölfstündigen Autofahrt. Solche Trips sind immer kurz und knapp. Abfahrt lange bevor die Sonne aufgeht, Ankunft dann vielleicht um 22 Uhr, am nächsten Tag surfen und danach sofort wieder zurück nach Hause. Länger als drei Tage unterwegs zu sein, ist wirklich die Ausnahme. Noch kürzer ist manchmal nur die Vorwarnzeit. Es wäre nichts Besonderes, wenn um 22 Uhr mein Telefon läutet und ich höre: Abfahrt morgen früh um 5 Uhr!

Unterwegs sind die Tage lang und beginnen früh. Bevor hier die ersten Sonnenstrahlen auf den Break von Nazaré fielen, stand die Crew schon lange im Dunklen auf der Klippe und wartete auf das erste Licht.
Unterwegs sind die Tage lang und beginnen früh. Bevor hier die ersten Sonnenstrahlen auf den Break von Nazaré fielen, stand die Crew schon lange im Dunklen auf der Klippe und wartete auf das erste Licht.

Auch vor Ort gibt es eigentlich keinen Tag, an dem man nicht vor Sonnenaufgang auf den Beinen ist. Eigentlich sind diese Missionen 24-Stunden-Schichten. Da wird aufgestanden und ans Meer gefahren, obwohl es noch stockfinster ist. Die Surfer wollen schon den Wind fühlen und die Wellen hören, bevor man etwas sehen kann. Dann Jetskis ins Wasser, die Fotografen auf dem Cliff positionieren und warten: Sechs oder acht Stunden abzuwarten, bis die Surfer wieder an Land kommen, ist ganz normal, solche Sessions dauern ewig. Ich spiele dann das Mädchen für alles, muss mir immer vorstellen, was alles schiefgehen könnte und mir dann schon mal einen Notfallplan für jedes mögliche Szenario zurechtlegen.

Warum ein Trip ans Ende der Welt als Griff ins Klo endete, steht auf der nächsten Seite.