Craig Butler: Wie eine Vergewaltigung eine Surfkarriere zerstörte

Der erste Tag im neuen Leben

Am nächsten Tag fühlte ich mich verloren. Ich wollte niemandem begegnen. Ich war mir nicht bewusst, was geschehen war. Also ging ich zu seinem Arbeitsplatz um es herauszufinden. Er sagte nicht viel, war jedoch sichtlich geschockt mich zu sehen. Ohne ein Wort zu sagen, zog er mich zum Hinterausgang und drückte mir Geld in die Hand. Ich fragte ihn, wofür das sei? Er sagte: Für letzte Nacht. Ich wusste nicht was ich antworten sollte und ging. Ich ging zum Skatepark und setzte mich auf die Halfpipe. Ich verachtete mich selbst und schämte mich, es war zu peinlich es jemals jemandem zu erzählen, das er mir Geld gab weil wir Sex hatten. Ich weiß nicht wie viel er mir gab. Ich warf es weg, ohne es zu zählen. Es war schmutziges Geld, ich wollte es nicht.

Meine Erinnerungen danach sind verschwommen. Ich ging zu einem Arzt und klagte über meine Angstzustände worauf er mir Xanax verschrieb. Nach einem Reefcut bekam ich eine Coli Bakterien Infektion die zu einer Arthritis führte. Ich bekam Opium gegen den Schmerz. Ich missbrauchte beide Drogen um endlich wieder ein gutes Gefühl zu bekommen, ich war süchtig. Die besten Jahre meiner Jugend wurden zu einem Alptraum wegen einer beschissenen Nacht.

Ich war der erste Ire, dem es gelang einen Senior und Junior Titel im selben Jahr zu gewinnen.

Boy rips: Craig hat mit seinen exzellenten Surfskills mehrfach die irische Meisterschaft gewonnen. Aufgrund starker Medikation kann er sich an keinen der Titel erinnern

Ich gewann drei weitere Titel und wisst ihr was? Ich kann mich an keinen einzigen Sieg mehr erinnern. Das schmerzt gewaltig. Ich habe mein Land repräsentiert und erinnere mich nicht an die Trips oder die Leute die mich begleitet haben. Mir passiert es oft bei meinen Reisen, das ich auf Leute treffe, die mich erkennen, ich aber schwören könnte sie nie in meinem Leben gesehen zu haben. Zum Teil wurde mir zugetragen das wir mehrere Wochen zusammen surften.

Als ich 20 wurde ließ ich das Opium und das Xanax. Der Entzug war krass, aber ich stand es durch. Seit ich 21 bin, kann ich mich an mein Leben erinnern. Ich gewann einen weiteren nationalen Titel und konzentrierte mich auf die LQS und versuchte mich zu qualifizieren. Ich reiste um die Welt. Ich war gesund und surfte auf dem besten Level das ich jemals hatte. Niemand wollte mich in seinem Heat, ich war einfach ein taktisch guter Surfer. Die LQS Events fielen oft zusammen mit den WQS Events und ich freundete mich mit einigen der besten Surfer dieser Welt an. Ich hing jetzt mit den Leuten rum, die ich als Kind bewunderte. Es war eine großartige Zeit.

Die Vergangenheit holt mich ein

Als ich 23 wurde kam alles zurück, die Depression, die Angststörungen. Ich bekam eine offizielle Diagnose, ich nahm ordentlich zu, hörte auf zu surfen und zog mich aus dem Wettbewerbsgeschäft zurück. Der Erfolgsdruck war einfach zu groß, ich war aufgrund meines Gewichts chancenlos. Die Panikattacken waren mittlerweile so heftig, dass ich wenn ich sie vorher spürte, so schnell wie möglich nach Hause lief. Ich übergab mich oft mehrfach und kollabierte. Oft war die Attacke als ich wieder erwachte vorbei. Ich hörte zwar auf zu surfen, das Reisen aber blieb ein wichtiger Teil meines Lebens.

Ich bin jetzt 25 und es verletzte mich, das viele Menschen darüber sprachen das ich ein fantastischer Surfer war. Das erniedrigte mich. Aber gleichzeitig spornte es mich an. Ich gab also alles, um einen weiteren nationalen Titel zu gewinnen. Ich bereitete mich körperlich und und mental darauf vor, ich wollte allen das Gegenteil beweisen. Ich surfte immer zu schlechten Bedingungen, ich wollte alleine sein. Irgendwann zog ich dann nach Bundoran wo die Meisterschaften stattfinden und konzentrierte mich vollkommen auf diese Welle. Und dann war da dieser Tag, an dem es Klick machte. Ich hatte es zurück, zumindest dachte ich das.

Er war auf dem besten Weg zurück. Nur leider funktioniert ein fitter Körper nur mit einem fitten Geist.

Ich war wieder auf meinem alten Level und hatte noch 5 Wochen bis zu den Meisterschaften, mein Selbstbewusstsein war zurück, meine Fitness war wieder gut und ich war mir sicher, dass ich den Titel wieder gewinnen kann. Ich war froh wieder in einer Comp zu sein und war froh alte Freunde wieder zu treffen, die ich zum Teil Jahre nicht gesehen hatte.

Die Alpträume kehren zurück

Und dann stand ich wieder aufrecht im Bett. 3 Wochen vor den Meisterschaften holten mich die Alpträume wieder ein. Ich zitterte die ganze Nacht, konnte nicht schlafen. All die Erinnerungen überfielen mich. Ich konnte es nicht verstehen: ich war doch glücklich und jetzt ging alles wieder von vorne los. Repeat. Die nächsten 4 Wochen waren grausam. Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen, ich rollte mich in Embryostellung zusammen, zog mir die Kapuze über den Kopf und verharrte stundenlang in dieser Position, ich war zu verschreckt auch nur ein Geräusch zu machen. Zu viel Angst vor Musik, zu viel Angst vor fernsehen, zu viel Angst das Haus zu verlassen. Ich hatte Selbstmordgedanken. Alles was ich wollte war schlafen. Meine Angst überwältigte mich, ich war zu schwach mich zu bewegen. Ich traute mich nicht aus dem Fenster zu sehen weil ich Angst hatte jemand könnte mich erblicken.

Ich hielt es nicht mehr aus, ging zum Psychiater und er sagte das klingt alles nach PTBS. Ich bekam Medikamente die mir erst ein Hoch verschafften um mich danach noch tiefer fallen zu lassen. Ich hatte keine Kontrolle mehr über meinen Körper oder meine Handlungen. Ich hatte Angst dass ich mir etwas antun würde und es nicht mehr bewusst stoppen könnte. Ich versteckte mich unter meiner Decke und wartete darauf, das etwas passierte. Aber es passierte nichts.

Ich verpasste die Meisterschaften. Sechs Monate harte Arbeit umsonst. Die Organisatorin Zoe Lally lud mich ein um mich aus dem Haus zu locken, auch wenn ich nicht teilnehmen würde, einfach um mich aufzubauen. Das war sehr nett von ihr, aber ich lehnte ab. Ich sah aus wie ein Geist, ich war dünn wie ein Skelett und die Meisterschaften waren wirklich meine letzte Sorge. Ich befand mich in einer mentalen Sackgasse, ich wusste nicht mehr weiter, alles wegen dieser einen beschissenen Nacht.

Ich traf mich eine Woche darauf mit meinem Psychiater und er erfasste meine Gefühle hervorragend. Er sagte diese Emotionen, die ich durchlebe sind normal nach so einer Erfahrung. Ich redete mir alles von der Seele und ich wurde alles los, was ich mich vorher nie getraut habe zu erzählen.

Was für Schlüsse Craig zieht

Ich merkte, dass es nicht die Antidepressiva waren die mir halfen sondern die Worte und das ich mich endlich jemandem öffnen konnte. Ich bin mir sicher, dass ich mit dieser Geschichte mindestens einer Person auf dieser Erde helfen kann. Ich fühle mich endlich besser und kann wieder lachen. Locals die ich Jahre nicht gesehen hatte schüttelten mir die Hand und sagten es ist schön das du zurück bist, wir haben uns Sorgen gemacht.

Vielleicht kann die Geschichte eines naiven Teenagers einigen Leuten helfen ähnlichen Situationen aus dem Weg zu gehen oder zumindest Menschen besser zu verstehen, die missbraucht wurden. Man sollte sich niemals dafür schämen, es ist nicht die Schuld des Opfers. Ich habe den Mann jetzt mit seiner Tat konfrontiert, er gestand alles und jetzt fühlt er sich schuldig und beschämt wegen den Vorfällen dieser schrecklichen Nacht.

Ich bin mir immer noch nicht sicher was ich jetzt machen soll, aber ich will Gerechtigkeit, vor allem weil diese schreckliche Nacht meine komplette Jugend versaut hat. Ich habe Angst vor Intimitäten, ich hatte noch nie eine Beziehung. Es ist furchtbar Angst davor zu haben, intim mit einem Menschen zu werden oder jemanden zu lieben.

Craig sagte im Gespräch mit uns, das er dieses Jahr wieder an den LQS teilnehmen wird und sich versucht für die Tour zu qualifizieren. Wir drücken ihm die Daumen. Ob Craig es schafft sich zu qualifizieren könnt ihr auf seiner Insta Page oder seinem Facebook Account mitverfolgen. Ursprünglich erschienen war Craigs Artikel in der Inertia.