Was hilft am besten gegen ein Landlocked-Dasein? Auswandern natürlich, irgendwohin, wo es immer Wellen hat. Wir haben vier Surfer befragt, die diesen Schritt gewagt haben.

 

Ein Schwabe in Ericeira

Mario Julian Wehle kommt aus Tuttlingen in Baden-Württemberg, ist 32 Jahre alt, verheiratet, hat zwei Kinder und studierte vor einiger Zeit Soziologie mit Philosophie im Nebenfach. Doch dann zog es ihn weg, zuerst in den fernen Osten nach Malaysia und dann vor vier Jahren nach Portugal.

Traumziel Ericeira?

„Auswandern wollte ich irgendwie schon immer, nur wohin war nie ganz klar. Warm sollte es sein. Als die Entscheidung feststand, Südostasien nach ein paar Jahren wieder zu verlassen standen Ericeira, Biarritz und San Sebastian auf meiner Liste. Ich kannte alle drei Orte durch ein paar Urlaube relativ gut, und die Entscheidung ist nicht leicht gefallen. Jetzt lebe ich eigentlich das ganze Jahr in Portugal. Nur Januar und Februar, wenn es auch hier etwas ungemütlich werden kann, verbringe gerne woanders.“

Mario hat in Portugal eine zweite Heimat gefunden und mit Magic Quiver seinen eigenen Surfshop geggründet.
Mario hat in Portugal eine zweite Heimat gefunden und mit Magic Quiver seinen eigenen Surfshop geggründet.

Surfen als Auswanderungsgrund?

„Ja, auf jeden Fall. Schon als ich noch in Deutschland lebte wurde mir das Surfen immer wichtiger. Surftrips waren zwar ein paar Mal im Jahr drin, aber das war natürlich sehr zeit- und kostenintensiv. Jetzt wohne ich direkt am Meer. Da kann man auch mal schnell vor oder nach dem Arbeiten ins Wasser. Ich surfe jetzt sicher mehrmals die Woche. Mit meinem Laden, der Surf-Lodge und einigen anderen Projekten bin ich aber auch gut beschäftigt und muss manchmal die eine oder andere Session ausfallen lassen. Als Goofyfooter surfe ich am liebsten Lefts, besonders gerne Pedra Branca. Wenn es da zu voll wird, suche ich mir aber was anderes. Ich stehe nicht besonders auf Crowds und gehe deshalb auch gerne mal an Spots, die weniger frequentiert sind. Mit ein bisschen Local-Knowledge und gutem Timing kann man zu jeder Jahreszeit leere Spots finden.“

Das Geschäftliche

„Ich habe mich schon seit langem sehr für Surfbretter interessiert: Design, Herstellung, Materialien, Techniken. Ich selbst shape aber nur manchmal zum Spaß. Angefangen hat Magic Quiver auch als Surfshop und etabliert sich jetzt erst langsam als eigenständige Marke. Wir verkaufen Boards von verschiedenen portugiesischen Shapern und laden jedes Jahr mehrere Shaper aus Kalifornien und Australien ein, um bei uns Surfboards zu shapen. Die werden dann im Shop verkauft. Ein bisschen Startkapital stand zur Verfügung, als wir angefangen haben – aber nicht genug, um alle Ideen zu verwirklichen. Deswegen stecke ich eigentlich seit Beginn alles, was die Firma erwirtschaftet, wieder in irgendwelche Projekte. So hat sich Magic Quiver in den letzten Jahren ordentlich entwickelt: slow and steady. Mittlerweile sind die Zimmer und die Wohnungen, die wir in Ericeira anbieten, sowie unsere gerade eröffnete Magic Quiver Lodge auch ein wichtiger Teil des Konzepts und tragen viel zum Umsatz bei.“

Mario weiß, wo er in Portugal noch leere Wellen findet. Foto: Primoz Zorko
Mario weiß, wo er in Portugal noch leere Wellen findet. Foto: Primoz Zorko

Die portugiesische Bürokratie

„Hier ist es für kleine Firmen nicht ganz einfach. Es gibt ziemlich viele bürokratische Hürden, und oft dauert es sehr lange alle zu überwinden. Eine andere große Herausforderung ist es auch, gute Geschäftsbeziehungen mit zuverlässigen Partnern aufzubauen. Die Portugiesen sind aber sehr gastfreundlich und ja auch an Einwanderer gewöhnt. Lissabon ist superbunt, und auch in Ericeira gibt es mittlerweile viele Zugezogene. Ich wurde sehr gut aufgenommen, und die Herausforderungen sind eigentlich überall dieselben, wenn man ein Projekt in einem anderen Land startet und sich da erst einleben muss. Magic Quiver ist nicht mein erstes Projekt, und ich weiß mittlerweile, dass Selbstständigkeit finanziell arg anstrengend sein kann, besonders am Anfang. Wir haben mit dem Laden, der Lodge, verschiedenen Veranstaltungen und den Boards einige Sachen am Laufen, und als Gesamtpaket funktioniert das dann. Man muss Geduld haben, bis sich eine Firma etabliert, was oft länger dauert als erwartet. Mittlerweile haben wir aber sogar drei Angestellte in Vollzeit.“

Alles richtig gemacht?

„Klaro. Es ist eben einfach super, wenn man mit dem Business Erfolgsmomente hat, die einen für den ganzen Aufwand belohnen. Oder eine tolle Session alleine oder mit eine paar Freunden bringt auch immer gut Stoke und bestätigt mich in der Entscheidung, hierher gekommen zu sein.“