Die Brasilianer, die mag keiner, aber noch schlimmer sind die Russen. Die Schwarzen können eh nicht schwimmen und sind deshalb nicht im Line Up. Ach Gott, ganz vergessen… die Italiener und die Israelis, da weiß man ja gar nicht wer da schlimmer ist. Rassismus ist auch im Surfen allgegenwärtig.

Intellektuell minderbemittelte Zeitgenossen strukturieren ihre Welt in Schubladen, Freigeister mit weitem Horizont sehen die Welt differenziert. Das ist politisch korrekt gedacht, entspricht aber in der Surfwelt leider in keinster Art und Weise der Realität. Oft hört man Kommentare von Surfern im Hippie Kostüm die man nicht mal vom hartgesottensten AFD Wähler erwartet hätte. Abfällige Aussagen über Surfer aus Brasilien gehören in Bali zur Tagesordnung, in Sri Lanka wird auf die Israelis geschimpft und da versteigt sich der ein oder andere deutsche „Surfkosmopolit“ zu Aussagen, die im Heimatland als Straftat geahndet werden würden. Oft sind diese Aussagen salopp formuliert und vielleicht vom Sender nicht so gemeint wie geäussert – jedoch werden sie vom Empfänger genau als das verstanden was sie sind: rassistische Kackscheiße.

Oft werden ganze Volksgruppen aus Lineups verbannt

Es geht zum Teil soweit, dass an manchen Spots ganze Volksgruppen aus dem Lineup verbannt werden, eigentlich eine Art Mini-Apartheid. Ich habe in Spanien versucht Spots zu surfen, wo mir gesagt wurde dass hier keine Deutschen geduldet werden, auf den Kanaren ging es sogar so weit, dass ich und Freunde von draußen mit Steinen bombardiert wurden, auf Mauritius wird niemand geduldet der nicht aus Mauritius kommt, auf Hawaii verhält es ähnlich.

Für mich war der Surfsport immer ein egalitärer Rückzugsort, in meiner Welt herrschte im Meer soziale Gleichheit und man lässt seine Hautfarbe, politische Gesinnung, sein Geschlecht und seine sexuelle Orientierung am Strand, das Meer behandelt jeden Menschen gleich und diesem Beispiel ist im Lineup unbedingt Folge zu leisten.

Dass dieses Utopia so nicht existiert, haben mich viele Surftrips um den Globus gelehrt.

Localism oder Rassismus?

Der Grad zwischen Localism und Rassismus ist schmal, in manchen Fällen versteckt sich hinter Localism auch einfach primitivster Rassismus. Ich habe 2014 ein Praktikum in Durban Südafrika gemacht, habe bei einem Shaper gelernt und durch seine Kontakte Tom Hewitt kennen gelernt, welcher ein Surfprojekt für Straßenkinder gestartet hat, über welches ich in den nächsten Tagen noch ausführlicher berichten werde.

Tom Hewitt sieht sich mit Rassismus im Lineup konfrontiert

Als Tom die ersten schwarzen Kinder mit ins Wasser nehmen wollte, stieß er auf massiven Widerstand der weißen Locals. Deren Begründung, dass die Kinder hier nicht surfen dürfen, weil sie nicht an diesem Strand aufgewachsen waren, war so bigott wie verlogen. Wie hätten die Kinder dort aufwachsen können, wenn die Apartheid Gesetze ihnen das Betreten aller Stadtstrände untersagte und so ihr Recht auf soziale Teilhabe verwehrte?

Tom und einige Jungs die er von der Straße ins Wasser geholt hat am Stadtstrand von Durban. Die ausschliesslich weißen Locals wehrten sich anfangs vehement gegen farbige Surfer im Lineup

Mittlerweile hat sich die Lage deutlich entschärft und die meisten Surfer haben sich damit abgefunden ihr Lineup mit „Kaffern“ zu teilen, das rassistische Gedankengut bleibt jedoch in vielen Köpfen vorhanden.

Ein seltener Anblick: ein farbiges Mädchen kommt vom Surfen am Durban Beach.

Unsere Shapewerkstatt bekam nicht nur einmal den Auftrag bestellte Boards mit Hakenkreuz Logos zu verzieren. Eigentlich unglaublich, aber das ist tatsächlich immer wieder passiert.

Warum gibt es in den USA und Australien so wenig Farbige Surfer?

Die USA und Australien sind mit Brasilien die zwei einflussreichsten Surfnationen der Welt und haben Einwohner aller Hautfarben, vor allem die USA ist eigentlich für ihre kulturelle und ethnische Diversität bekannt. Wirft man jedoch mal einen Blick in das Lineup von zum Beispiel Trestles, lässt dieses Bild was ganz anderes vermuten: hier sind beinahe alle Surfer weiß.

Abgesehen davon, dass es hier zugeht wie am Stachus, sucht man hier vergeblich nach farbigen oder asiatischen Surfern und das obwohl diese beiden Volksgruppen in großer Zahl in Californien vertreten sind.

Spricht man mit Jeff Williams, dem Präsident von Black Surfers Collective, sieht er das Problem hier nicht wirklich in eigentlichem Rassismus, lauf Jeff liegt es eher daran, dass die Afro-Amerikanische Community keinen wirklichen Zugang zu den Stränden hat. Die Wohnviertel in Strandnähe sind teuer, Surf-Equipment ist teuer und auch die Restaurants in Strandnähe haben ihre Preise an die weiße Mittel-und  Oberschicht angepasst. Es fehlt schlichtweg der Kontakt mit der Sportart. Sobald die Kids einmal im Wasser waren, sind sie sofort Feuer und Flamme. Laut Williams bräuchte es eine Art „Surfing Tiger Woods“ um die schwarze Community für den Sport zu begeistern. Vielleicht würde ja schon ein sehr erfolgreicher Michael February genügen.

Die Vorteile von Diversität im Surfen

Folgt man Williams Gedanken zu ende, würde der Surfsport von einer größeren kulturellen Vielfalt hochgradig profitieren. Verschiedene Communities würden den Surfstyle verändern oder zumindest beeinflussen, vielleicht würden neue Surfboardshapes enstehen und die langweiligen Contestformate würden sich endlich verändern. Laut Williams ist dies im Skaten bereits passiert. Hier hat kulturelle Diversität für eine starke Veränderung im Skatesport gesorgt, es hat den Sport bereichert. Surfen sollte sich nicht nur öffnen, es sollte Menschen verschiedener Rassen zur Partizipation motivieren, leider fehlt den meisten Engstirnen in der Szene die Weitsicht den Vorteil einer Willkommenskultur zu erkennen.

Wann ist Localism gerechtfertigt und wann ist es einfach nur dumm?

Es gibt sicher Spots wie zum Beispiel Pipeline auf Hawaii, an welchen ein gewisser Protektionismus sinnvoll ist. Denn an Spots wie diesen hat Joe Average nichts verloren, hier geht es am Schluss schlichtweg um das nackte Überleben. Wenn man jedoch an Spots wie der Costa Caprica in Portugal bei kniehohen Wellen von Locals aus dem Wasser gekreischt wird, weil man die falsche Sprache spricht ist das schlichtweg erbärmlich und hat mit Localism herzlich wenig zu tun. Das ist am Schluss genauso rassistisch wie der weiße Bure, der das schwarze Kind nicht an New Pier surfen lässt weil es nicht dort aufgewachsen ist oder der deutsche Harald, der sich über das schlechte Benehmen der „Drecksjuden“ in Costa Rica beschwert. Ob es am Schluss latenter oder offen zur Schau gestellter Rassismus ist, spielt in letzter Instanz keine Rolle. Dieses Verhalten hat in einem Sport, der für sich proklamiert weltoffen und für alle da zu sein, wirklich nichts verloren.Man sollte eine Null-Toleranz Politik durchsetzen.

Auf der nächsten Seite erzählt Sal Masekela von seinen Erfahrungen mit Rassimus in Südafrika und in Alltagssituationen in Kalifornien