Last Action Hero: Carlo Drechsel ist „Insight Africa“

0

Der ungeschminkte Tarzan ist ausgestorben. Heute tragen Männer Bärte um hip zu sein, die meisten von ihnen geben wohl mehr Geld für Bartpflege aus als ihre Partnerinnen für Schminke. Früher haben sich Abenteurer und Holzfäller nicht rasiert, weil sie einfach wochenlang nicht in den Spiegel geschaut haben.

Heute werden Bäume maschinell gefällt womit sich der Berufsstand des Holzfällers beinahe erledigt hat, echte Abenteurer gibt es schon lange nicht mehr. Die Rauschebärte unserer Zeit sind Corporate-Publishing-Redakteure oder Investmentbanker, die nach der Arbeit in ihrer Maisonettewohnung Champagner schlürfen und zwei Stunden Bartwichse auftragen, aber sicher nicht erstmal eine Runde eislochfischen gehen und danach mit selbstgefällter Zeder ihre Blockhütte im Wald einheizen, wie dies der Schein vermuten lässt.

Ein Mann, der sich seine Gesichtsmatratze redlich verdient hat ist der Darmstädter Carlo Drechsel. Aber was macht den Mann zum letzten Abenteurer? Ein echtes Abenteuer kann so facettenreich sein wie das Leben selbst. Am Schluss geht es bei einem Abenteuer darum, gegen die Elemente zu kämpfen, seine Komfortzone zu verlassen und das Andere und Unbekannte zu suchen. Carlo hat seine fantastische, gefährliche und wundersame Reise in seinem Buch „Insight Africa“ niedergeschrieben. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

1. Wer ist Carlo Drechsel?

Inzwischen sogar 31, aus Darmstadt, ich habe zwar mal studiert, schlage mich aber fast jedes Jahr mit etwas Neuem durch.

2.Wie kommt ein Darmstädter aufs Surfbrett?

Die erste, oder älteste Erinnerung, die ich an meine Kindheit habe, stammt aus dem Sommer 1990: Nachdem der schäbige (richtige geile) T2 meiner Großeltern, zum hundertsten Mal auf einer Nordspanischen Landstraße liegen blieb, stellte ich zu meinem Unheil fest, dass ich auch in der zweiten Nacht auf dem harten Babysitz neben meinem kleinen Bruder schlafen werden müsse – mein Arsch schmerzte so sehr, dass dieser Moment sich irgendwie besonders tief in meinem Bewusstsein eingegraben hat.
Von den kommenden Wochen am „Playa de Oyambre“, das heutige Epizentrum des Vanlife’s, damals noch ein ruhiges Idyll, erinnere ich mich heute an nichts weiter. Meine Eltern jedoch gefiel es so gut, das sie seither fast jährlich für mehrere Wochen nach Nordspanien fahren. Lange Rede kurzer Sinn: irgendwann landete ich natürlich auf dem Surfboard.


 3. Du surfst für einen Deutschen ein sehr gutes Level, wie kommt das?

Eine gesunde bis ungesunde Besessenheit! Seit dem 12 Lebensjahr bin ich jeden Tag entweder gedanklich, oder wirklich im Wasser – jeden Tag. Ehrgeiz, Leidenschaft, Ego und vor Allem das Surfen als Zufluchtsort haben mich über die letzten 20 Jahre angetrieben.

4. Warum ausgerechnet Afrika?

In dem Vorwort meines Buches sinniere ich genau über diese Frage, welche mich zurück auf die Hafenmauer Tarifas brachte, wo ich 2006 mit ein paar Schulfreunden am Ende einer „Bulli-Odysee“ quer durch Europa stand.
Das halbe Kilo Gras war fast verschwunden, die anderen hatten nach den Wochen des Wahnsinns und des Reisens genug, es zog sie nach Hause. Ich jedoch verspürte die magische Anziehung der Ferne, der Berge und all dessen, was dahinterlag. Sagen. Kinderbücher. Romane. Die Heimat epischer Abenteuer Sven Hedins und des Vaters von Pippi Langstrumpf. Die Klänge exotischer Namen – Timbuktu und Sansibar. Die Sahara, in der Paulo Coelhos Alchemisten aus Scheiße Gold machen, der tiefe, dunkle Urwald des Kongos, das Herz der Finsternis, in dem sich vor Kurtz’ Haustür die Totenköpfe der Eingeborenen stapeln. Ein Ort, so greifbar hier auf der Hafenmauer von Tarifa, und doch unbegreifbar. Alles, was ich verstand, kannte und einzuschätzen wusste, endete genau hier, und das Ungewisse begann genau dort drüben, bei diesen Bergen, der andere Kontinent, von dem ich nichts wusste und der mich gerade deshalb wie magisch anzog, damals wie heute – Afrika.
(Auszug aus dem Buch)
Es ist also nicht nur das unausgeschöpfte Surf-Potenzial der Westküste Afrikas, welches mich auf die Reise befördert hat, sondern auch die Neugier meinen Tellerrand rechts liegen zu lassen und dort hin zu reisen, wovor ich am wenigsten wusste und die meiste Angst hatte.

Einer von vielen Juwelen, die Carlo auf seiner Reise begegneten. Spot: The Hook in Südafrika

4. Gibt es Localism in Afrika? (Abgesehen von Südafrika)

Wann warst du das letzte Mal im Anchorpoint? Haha! Immer schwierig, dass so pauschal zu beantworten, ist halt schon ein großer Kontinent. Meist sind die Surfszenen zu klein, als dass der Gedanke überhaupt käme, im Gegenteil.

5.Afrika ist, gemessen an seiner Wellenqualität, das wohl 
unerschlossenste Surfgebiet der Welt. Die Gründe liegen jedoch auf der 
Hand: Sharky, Bürgerkriege, schlechte Infrastrukturen, mangelhafte 
medizinische Versorgung. Haben sich auf deiner 
Reise Vorurteile bestätigt oder eher entkräftet?

Dass es Haie gibt und Bürgerkriege, das sind ja mehr Fakten als Vorurteile. Ich hatte natürlich krasse Bedenken, mal abgesehen von der Angst, ausgeraubt, ermordet oder gekidnappte zu werden, hieß es die Polizei wäre korrupt, die Leute unverschämt etc. das lässt einen nicht kalt, du wächst gerade in Europa in einer Gesellschafft auf, die diese Gedankenmuster einimpfst, bist du es glaubst. Mal abgesehen, davon, dass die Menschen zum aller größten Teil, wie überall anders auf der Welt, super drauf sind, also hilfsbereit, gastfreundschaftlich und auch die Polizei nicht so schlimm ist wie viele behaupten, herrscht eben nicht überall Bürgerkrieg und Haie gibt es auch nur vereinzelt.

Auch abseits der Welle hat Afrika wunderschöne Seiten.

Was Carlos größte Angst vor Beginn der Reise war, lest ihr auf der nächsten Seite.