Localism Kanaren – ein Gespräch mit Lazi Ruedegger

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Localism Kanaren – Von Mitte der 90ger bis in die frühen 2000er waren die kanarischen Inseln das Epizentrum des europäischen Localism. Ausgeboxte Schneidezähne und mutwillig zerstörte Surfboards gehörten hier zur Tagesordnung.

Der Artikel erschien im Yearbook Prime Surfing Magazine

Pics: Manu Miguelez

Wenn man bestimmte Surfspots mit dem Mietwagen ansteuerte, konnte man froh sein, wenn der Wagen nicht brannte, sondern „nur“ die Reifen aufgestochen wurden.

Bestandsaufnahme Localism Kanaren

So sinnlos die Gewalt auch anmutete, war sie dennoch zielgerichtet: es war auch ein Kampf gegen den drohenden Ansturm der Surfkolonialisten, wenn man so will war es die Stammessprache gegen die Übervölkerung der Lineups: Gewalt, die Sprache der Dummen, die aber jeder versteht.  Heute scheint sich der Localism den Massen ergeben zu haben, unzählige Gerichtsverhandlungen und Verurteilungen haben auch die letzten Platzhirsche kastriert und ihr Röhren in kanarischen Lineups ist nicht viel mehr als das deutlich verhallende Echo der „guten alten Zeit“. Das Ergebnis: Lineups mit bis zu 300 Surfern, von welchen viele glauben, dass sie sich mit dem Flugticket freien Eintritt zu den besten Wellen Europas erworben haben, ob sie die Skills dazu haben oder nicht, scheint den meisten egal zu sein. Gesurft wird oft ohne jede Vernunft und Regel, 3-4 Dropins pro Welle sind an vielen Spots zur Norm geworden, die Sessions erinnern zum Teil eher an einen Überlebenskampf. Aber wie konnte es so weit kommen?

Wir haben mit Lazi Ruedegger Ursachenforschung betrieben und darüber hinaus über Julius Caesar, unverschämten Gästen auf Hausparties und einen kanarischen Surfknigge gesprochen.

 

Localism Kanaren – Über Lazi Ruedegger

Ladislaus „Lazi“ Ruedegger wirkt wie die Antiblaupause zum stereotypen Surfhipster: Drill-Seargent-Cut, unprätentiöser Kleidungsstil und kanarischer Volksmusikant.  Der Österreich-Kanaren Hybrid würde sich wohl eher die Zunge aus dem Mund schneiden, bevor er sich als das bezeichnen würde, was er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist: der beste Surfer Fuerte-Venturas. Der Ex- Quiksilver Pro fühlt sich einer überzeichnet coolen Surfszene schon lange nicht mehr zugehörig, er bezeichnet sich selbst als Wellennehmer, Surfer will er keiner mehr sein. Lazi ist in Lajares aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Corralejo wo er sich seinen Lebensunterhalt als selbstständiger Surfcoach verdient.

Localism Kanaren – Lazi Ruedegger ist kein Surfer

Wir haben gehört (und gesehen) dass es diesen Winter relativ voll war in den Line Ups Fuerte Venturas. Wie hat die local community reagiert?
Ich surfe seit 27 Jahren auf Fuerte Ventura, aber so volle Line-Ups wie in diesem Jahr habe ich noch nie gesehen. Es kommt einem so vor, als hätten sich alle digitalen Nomaden das „Starterpack“ Surflifestyle gekauft. Sie kommen her, hocken sich ins Line-Up, machen Yoga und Surfskaten durch die Straßen. Und ich unterstelle 90% der Leute, die hier herkommen, dass sie nicht mal wirklich Surfen wollen. Sie wollen einfach nur zu einer Szene gehören, die sie glorifizieren und dann lautstark darüber reden, dass sie dazu gehören und wo in der Welt sie schon überall surfen waren. Und natürlich ihr Social Media mit Posts überschwemmen, auf denen sie ein Surfbrett den Strand entlang laufen, untermalt mit abgegriffenen Sprüchen wie „Eat, Sleep, Surf, Repeat“ und natürlich versehen mit der Location damit noch mehr Menschen kommen. Und oft ist gar nicht die Masse an Menschen das Problem, sondern die Art. Wenn du in Indo surfst, ist es auch sehr voll, es bekommt aber normalerweise jeder seine Wellen, weil die meisten Touristen dort surfen können und mit der Etikette im Wasser vertraut sind. Hier triffts du bei 3 Meter Slaps Leute mit Softtop, die nicht mal einen ordentlichen Take-Off beherrschen. Insofern war die Stimmung bei den Locals dieses Jahr besonders schlecht.

Das Stabmagazin hat vor kurzem vom Post Localism gesprochen. Die Quintessenz des Artikels war, dass sich der Localism an den meisten Surfspots dem Kommerz ergeben hat. Sieht es auf Fuerteventura ähnlich aus oder seit ihr ein Gallisches Dorf?
Leider ist es bei uns ähnlich. Klar gibt es hier zwar noch einige Wellen, wo der Ton etwas rauher ist und die extrem localised sind. Aber an den meisten Spots haben wir Locals uns der Masse ergeben. Der Pulk ist am Schluss leider größer als der Gallier, Julius Cäsar gewinnt. Nehmen wir zum Beispiel La Derecha de los Alemanes: da waren diesen Winter zum Teil 200 Menschen im Wasser. Wo soll man da anfangen? Man kann dort nicht mehr surfen, weil so viele Leute im Wasser sind, die keine Ahnung vom Surfregelwerk haben. Ob das besser ist als eine Reglementierung durch Localism? Ich glaube nicht. Mittlerweile geht es selbst in Lobos drunter und drüber. Es gibt auf der ganzen Insel nur noch 3 Wellen, die ausschließlich Locals vorbehalten sind, der Rest ist vogelfrei.

Localism Kanaren
Auch wenn es in Lobos mittlerweile wild zugeht, muss ein Mann des Formats von Ruedegger nicht besonders lange auf seine Wellen warten.
Pic: Manu Miguelez

Localism Kanaren – Interview mit Lazi Ruedegger

An welchen Wellen ist der Ton am rauesten?
Das kann man nicht wirklich an einer Welle festmachen. Es kommt darauf an, wer dort gerade im Wasser ist. Da gibt es schon ein paar Jungs auf den Kanaren, die ihre Wellen nicht gerne teilen. Und wenn die im Wasser sind, dann wird der Umgangston schnell scharf.

Du bist einer der besten und meist respektierten Surfer auf der Insel. Wenn man über Localism auf den Kanaren  recherchiert, kommt man an deinem Namen allerdings auch nicht vorbei. Ist Lazi Ruedegger ein Bully im Wasser?
Ich habe mir nie etwas auf mein Surfen eingebildet. Und ich bin sicher kein Bully im Wasser. Ich will einfach sehen, dass sich Leute respektvoll im Wasser verhalten und dass sie auch uns Locals anerkennen. Warum fährt man zu sechst an einen Surfspot, und brüllt dann in einer Fremdsprache durchs Wasser? Mir fehlt oft ein Grundrespekt. Auch wenn es absurd klingt, die Insel ist für mich ein Teil meines Körpers und die Leute kommen hier her und verhalten sich wie die Axt im Wald, ballern mit 100 kmh über die Northshore, schmeißen ihre Kippen auf den Boden, interessieren sich nicht in einer Nuance für unsere Kultur. Wenn mir im Wasser etwas nicht passt, artikulier ich das, aber ich bleibe dabei sachlich und appelliere an die Vernunft der Menschen. Ich hebe selten meine Stimme oder werde hysterisch, das ist nicht mein Stil.

 

Lass uns Localism in 4 verschiedene Stufen unterteilen: 1. Schilder und Graffitis 2. Verbale Aggression 3. Vandalismus (reifen zerstechen) 4. Körperliche Aggression. Bis zu welchem Grad würdest du selbst gehen?
Ich habe weder im Wasser oder noch außerhalb irgendeinen Menschen geschlagen. Ich würde mich auch nicht mit der Spraydose an Wände schleichen oder jemandem die Reifen zerstechen. Ich bin der Meinung, dass man mit guter Argumentation weit kommen kann. Es gibt natürlich auch die Unbelehrbaren, die dann nach gut gemeinten Ratschlägen „Fuck Localism“ schreien. Und dann kommen eben oft andere Locals ins Spiel, die die Sache anders sehen als ich und auch die ein oder andere Schelle im Wasser verteilen.

Was ist in deinen Augen die Daseinsberechtigung von Localism?
Es braucht einfach eine Hackordnung im Wasser, sonst wird es schnell zum Irrenhaus und am Schluss surft keiner mehr. Warum sollte beispielsweise ein 60-jähriger Local, der nach der Arbeit noch eine kurze Session an einem Spot surfen will, den er seit 50 Jahren surft, sich einer Gruppe 18-jähriger Italiener unterordnen, nur weil sie lauter schreien als er? Es gibt kein geschriebenes Regelwerk im Surfen, es ist eher eine Rangordnung wie im Dschungel. Und wenn der Silberrücken im Line-Up hockt, dann hat er Vorfahrt, ganz egal wer eigentlich dran ist. Man sieht es zum Beispiel sehr gut an dem Spot meiner Kindheit, la Derecha de los Alemanes: da existiert keinerlei Regel oder Ordnung. Hier droppen in jede gesurfte Welle drei Leute rein, die Softops fliegen dir um die Ohren, die Leute schmeißen ihre Bretter beim Diven weg. Das ist einfach nur noch gefährlich und am Schluss kommt eigentlich niemand richtig zum Surfen. Eine gewisse Ordnung im Wasser ist vor allem an beliebten Spots unbedingt notwendig und Localism ist eine gute Möglichkeit, einem Lineup Struktur zu verleihen.

Localism Kanaren
Stabile Tuberides sind Ruedeggers Stärke. Aber abgesehen von der liebe zu den Wellen verbindet Lazi nicht mehr viel mit der Surfszene. Pic: Manu Miguelez

Wenn du einen Surfknigge für die Kanaren formulieren würdest, wie würde der aussehen?
Ich will an dieser Stelle gerne eine Metapher bemühen. Stellt euch mal vor ihr kommt auf eine Hausparty, wo ihr niemanden kennt:

  1. Du gehst nicht in die Küche, und nimmst dir direkt ein Bier aus dem Kühlschrank. Du informierst dich erstmal wer der Gastgeber ist und fragst ihn um Erlaubnis, ob du etwas zu trinken haben darfst. Man verhält sich erstmal defensiv.
  2. Du kommst erstmal alleine und nimmst nicht gleich 5 Freunde mit. Du kommst maximal mit einem anderen Gast im Schlepptau. Auch das lässt sich 1:1 auf einen Surfspot anwenden.
  3. Du hast keinen Ghettoblaster dabei und brüllst durch die Gegend. Du beobachtest erstmal die anderen Leute und bist leise und freundlich.
  4. Du verhälst dich, wenn du kein Arschloch bist, in einem fremden Haus so, wie du es auch erwarten würdest, dass sich Menschen in deinem Haus verhalten.

Wir sind gegen Rassismus und entschieden dagegen letzteren zu katalysieren. Aber lass uns das ganz kurz vergessen. Welche Nation ist für dich die schlimmste in kanarischen Gewässern?
Die schlimmste Nation ist die, die versucht in ihrer Nation zu bleiben obwohl sie sich in einem anderen Land befindet. Menschen, die in einem fremden Land sind, sich aber nur mit ihren Landsleuten umgeben, nur Gerichte essen die sie von zuhause kennen und ihr Ding einfach so weiter machen, als wären sie daheim sind mir suspekt und ich empfinde dieses Verhalten als respektlos.

Die Kanaren haben den Ruf der most localised Surfspots der Welt. Welche Insel ist am schlimmsten?
Man kann es nicht auf eine Insel reduzieren, es sind eher die Sports. Auf Teneriffa gibt es im Norden ein paar Spots, wo man nur surfen darf, wenn man von dort kommt. Auch ich kann dort nicht ins Wasser gehen. Das gleiche gilt für Gran Canaria und Lanzarote. Das ist auch gut. Die meisten Spots sind ja sowieso schon überflutet von Touristen.

 Kannst du uns sagen um welche Spots es sich da handelt?
[lacht] Natürlich nicht. Sie sind zum Teil ja auch eher unbekannt. Aber falls du zufällig hinkommst und ins Wasser gehst, wirst du es sehr schnell merken, ob es einer dieser Spots ist [lacht].

Was sind die heftigsten Geschichten die du mitbekommen hast?
Na ja, es wurden halt vor allem in den 90gern massenhaft Reifen zerstochen, wenn man mit einem Mietwagen an gewissen Spots in Lanzarote gefahren ist, konnte man sich beinahe sicher sein, dass danach dein Auto kaputt war. Da wurden zum Teil auch Autos angezündet. Darüber hinaus natürlich viele Faustschläge im Wasser. Aber eigentlich rede ich nicht gerne darüber. Ich bin absolut gegen Gewalt und will so ein Verhalten nicht promoten. Ich bin für Localism, aber in einem vernünftigem Rahmen, ich verurteile Gewalt aufs schärfste. Ich will Leute im Wasser zu respektvollen Verhalten erziehen, ich will sie nicht erniedrigen.

Wann macht Gewalt in deinen Augen Sinn?
Wenn jemand deine Frau entführt oder deine Kinder schlägt. Aber wegen ein paar Wellen? Sicher nicht!

Du bist als Pro viel gereist. Wurdest du auch schon angefeindet im Wasser?
Das ist mir noch nie in meinem Leben passiert. Da ich an Spots aufgewachsen bin, wo Localism immer ein großes Thema war, wusste ich glaube ich, wie man sich im Wasser verhalten muss, damit man niemandem auf die Füße tritt. Und wenn man sich respektvoll verhält, dann kommt auch schnell etwas zurück. Ich war in Estagnots surfen, an einem der besten Tage des Jahres. Ich habe mich sehr defensiv verhalten und die Wellen genommen, die die Locals übrig gelassen haben. Gegen Ende der Session kam das Set des Tages und sie haben mich in die Welle gewunken.

Hast du schonmal was von Blocking gehört?
Ja. In Indonesien ist das gang und gebe. Locals blocken Wellen für schlecht surfende, gut zahlende Touristen. Hier werden Wellen im wahrsten Sinne des Wortes verkauft.

Glaubst du, dass es auf den Kanaren auch so weit kommen könnte?
Natürlich. Ich kann es mir auf jeden Fall vorstellen, dass das irgendwann passiert.

Du arbeitest als selbstständiger Surfcoach auf der Insel. Kommst du da nicht manchmal in ein moralisches Dilemma?
Nein gar nicht. Eher im Gegenteil: das erste was ich meinen Schülern zeige ist, wie man sich ordentlich im Wasser verhält. Ich meide überfüllte Spots und halte meine Gruppen klein. Ich arbeite nie mit mehr als 3 Schülern gleichzeitig. Ich denke, dass man mit mehr Leuten im Kurs einfach nicht mehr gut genug unterrichten kann. Ich hoffe und denke, dass aus meinen Kursen verantwortungsbewusste Surfer hervorgehen.

Du hast dich immer wieder sarkastisch über die Surfszene geäußert. Fühlst du dich überhaupt zugehörig?
Ich bin kein Surfer. Ich habe ein Board, einen Anzug und bin gerne im Wasser und nehme Wellen. Aber ich gehe auch gerne fischen, Apnoe tauchen oder harpunieren. Aber das wars. Das  Gesamtpaket „Surfen“ ist für mich sehr unattraktiv geworden über die Jahre: Big Wave Burger hier, Surf Yoga da. Kinder aus stinkreichen Häusern die sich in Designerläden zerrissene Hosen kaufen und Hippie und Surfer spielen, weil es gerade so unglaublich angesagt ist. Bis in die frühen 2000er war ich Surfer. Da waren Surfer noch Misfits, Randgestalten die von der Gesellschaft verachtet wurden. Aber dieses Lebensgefühl wurde kommerzialisiert und ausverkauft, heute haben die Spießer von früher lange ausgebleichte Haare und schlafen die Hälfte des Jahres im VW Bus und tragen Surfboards den Strand rauf und runter. Ganz nach dem Motto: dabei sein ist alles. Ich bin kein Surfer, ich bin ein Wellennehmer.

Localism Kanaren
Mindestens genauso gut am Speer wie auf dem Brett.

Was hat dazu geführt, dass Surfen zu dem geworden ist, was es ist?
Naja, das liegt doch eigentlich auf der Hand: in dieser Zeit glaub jeder, dass er die ganze Zeit zeigen muss wo er surfen geht. Bevor die Leute überhaupt ins Wasser gehen, posten sie die ersten Stories auf Instagram: schaut, hier sind die Wellen gerade gut, kommt alle her und nehmt alle eure Freunde mit, damit mindestens 200 Leute im Lineup hocken. Das Internet zeigt auch nur die schönen Seiten des Sports, es wird ein Lebensgefühl verkauft, welches so gar nicht existiert. Es gibt eine Whatsapp Gruppe für Lobos, in der ungefähr 300 Menschen sind. Da posten sie ab 6 Uhr Morgens Videos von der Welle rein.

 

Man munkelt, dass du einen sehr ausgewählten Musikgeschmack hast. Gib uns doch zum Abschluss noch deine Top 3.

Top Drei

  1. Kanarische Volksmusik mit Freunden
  2. Led Zeppilin since i ve been loving you
  3. Rocknroll suicide David Bowie

 

 

 

 

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