Die kontemplative Ruhe im Meer ist schon lange fernab jeder Regel zum absoluten Ausnahmefall geworden. Surfen als puristische Sportart ist nur noch in der Theorie existent. Der Surflifestyle ist auf dem Vormarsch, die Ellenbogenmentalität im Wasser gleicht mittlerweile der an der Wallstreet.

Brauchbare Wellen (wir beziehen uns in diesem Fall auch auf die Infrastruktur um die Surfspots herum) sind eine begrenzte Ressource und selbst die verlässlichsten Surfspots dieser Welt müssen sich den Gewalten der Natur beugen; so laufen selbst Spots wie Pipeline oder Teahupoo nur wenige Wochen im Jahr in absoluter Perfektion. Und an diesen Tagen geht es im Lineup zur Sache wie am 24. Dezember am Münchner Stachus.

Waveparks garantieren ganzjährige Perfektion

Waveparks sollen der Unberechenbarkeit des Meeres beikommen und es herrscht Goldgräberstimmung am Markt. Jeder Mensch, der schon mal auf einem Surfbrett stand kennt Kelly’s Wavepool. Diese wunderschöne Welle ist toll für Slater und seine Entourage und sieht auch top aus in den unzähligen Clips die durch die verschiedenen Media Plattformen jagen. Als Geschäftsmodell ist Slaters Welle jedoch bis Dato unbrauchbar, die Wellenfrequenz ist nicht hoch genug und die Produktion einer einzigen Welle verschlingt unfassbare 18 Dollar an Stromkosten. Während Wavegarden wohl nach wie vor als Marktführer gilt, rücken weitere Firmen nach, die wirtschaftlich arbeitende Wavepools bauen. Mit American Wave Machines und Surf Lakes drängten dieses Jahr gleich zwei neue Firmen auf den Markt.

Surf Lakes: Auch die Australier mischen mit im Rennen um die beste künstliche Welle.

Wave Pool Renaissance

Die Sehnsucht nach der künstlichen Welle ist hingegen so antik wie Kinderschokolade. Bereits 1964 eröffnete in Japan ein Wellenbad, welches auch von Wellenreitern zum Surfen genutzt wurde, 1985 gab es in Allentown Pennsylvania einen chlorverseuchten Indoor Pool, in welchem auf hüfthohen Wellen die World Inland Surfchampionships ausgetragen wurden. Carrol sicherte sich den Titel, viele Surfer boykottierten den in ihren Augen anspruchslosen Event und zogen es vor, sich am Beckenrand ordentlich die Hucke voll zu saufen.

Erinnert uns ein bisschen an Frankreich im Sommer. Wir hätten uns wohl auch für den Gin Tonic entschieden.
Erinnert uns ein bisschen an Frankreich im Sommer. Wir hätten uns wohl auch für den Gin Tonic entschieden.

Auch Walt Disney interessierte das Geschäft mit der künstlichen Welle. Die Disney Typhoon Lagoon in Florida setzte neue Maßstäbe, Kelly Slater gewann hier 1997 die zum zweiten Mal ausgetragenen Wavepool Meisterschaften bei kopfhohen Wellen.

Disney ist schon seit Jahrzehnten im Geschäft.

In Japan wurde mit dem Ocean Dome das amerikanische Disney Projekt kopiert und verbessert, hier konnten bis zu 3 Meter hohe Wellen durch das Schwimmbad gejagt werden und Tubes waren möglich. Dies war wohl das erste Mal ernst zunehmender Indoor Surf.

Japans Ocean Dome konnte sich durchaus sehen lassen.

Die Wirtschaftlichkeit des Bauvorhabens war jedoch schlecht durchkalkuliert, das Projekt schloss 2006 aufgrund der hohen Betriebskosten seine Pforten. Es kam 2016 zu einer Wiedereröffnung, 2017 wurde die Anlage aber bereits wieder geschlossen und abgerissen.

Wavegarden revolutioniert die künstliche Welle

Wavepools bekamen ein vernichtendes Urteil: Die Erzeugung künstlicher Wellen von einem Format, das genügend Surfer locken würde, war aufgrund des hohen Energieverbrauchs nicht rentabel. Es dauerte geschlagene 5 Jahre, bis sich mit Wavegarden–Entwickler Josema Odriozola wieder jemand an die Konstruktion eines Wavepools wagte. Der Spanier reduzierte den Energieverbrauch so drastisch, dass er mit Snowdonia den ersten Wavepool eröffnete, der mittlerweile der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Surf Era macht Welle in Berlin

Nicht zuletzt aufgrund Josemas langjähriger Expertise sympathisiert die Surf Era Crew bei der Planung ihres Berlin Projekts mit der Technologie von Wavegarden, eine finale Entscheidung ist jedoch noch nicht gefallen. Es sind zwar noch Details zu klären, Niklas Groschup, Gründungsmitglied von Surf Era, ist aber zuversichtlich, dass Berlin 2021 den ersten überdachten Wavepark der Welt beheimatet. Welche Technik sie für die Welle schlussendlich verwenden werden sei mal dahingestellt.

Das Kernteam: Niklas Groschup, Marvin Thams, Eirik Randow und Valerie Sick.

Zugegeben: das Projekt klingt ambitioniert und es erreichten uns im letzten Jahr schier unzählige Vorhaben, in Deutschland einen Wavepark zu bauen, die am Schluss aber allesamt im Sande verliefen. Warum aber funktioniert das Projekt von Surf Era? Die Jungs waren irgendwie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Surfen wurde vor kurzem zur olympischen Disziplin erklärt, das Interesse der Investoren wuchs gewaltig und die ersten internationalen Surfparks schrieben grüne Zahlen. Viele landlocked lebende Menschen, vor allem auch in Deutschland, fanden Gefallen am Surfsport. Es galt nun geografische Grenzen zu durchbrechen, eine Welle mitten in Berlin wäre da ein gigantisches Aushängeschild und würde die internationale Strahlkraft Berlins weiter vergrößern.

Unternehmensphilosophie und Energieverbrauch

Im Zentrum des Projektes steht umweltschonendes Handeln. Nachhaltigkeit wird hier aus sozialer, ökologischer und ökonomischer Perspektive groß geschrieben. Das einzigartige Energieversorgungskonzept zielt darauf ab, regenerative Energien in hohem Maße vor Ort zu produzieren, umzuwandeln und zu speichern. Mit der Absicht den jährlichen Strombedarf des Surfparks durch eigens produzierte Energie zu decken, möchten sie als 2°C-Ziel-kompatibles Unternehmen, gemäß des Weltklimavertrags aktiv zur Energietransformation beitragen und aufklären.

Wieso ist Surf Era’s Wavepark überdacht?

Das ist natürlich kein Marketing Gag oder das verzweifelte Ringen um ein Alleinstellungsmerkmal: Surf Era soll ganzjährig betrieben werden, das deutsche Wetter verlangt im Winter eine Überdachung. Damit dieses Dach nicht nur zweckdienlich sondern auch stylisch ist, haben die Jungs einen Architekturwettbewerb an der TU Darmstadt ausgerufen.

Die Masterstudenten waren Feuer und Flamme und Surf Era war mit den Entwürfen überaus zufrieden.

Das lichtdurchlässige Dach soll mit wenig Zeitaufwand wie ein Cabriolet geöffnet und geschlossen werden können – bei einer zu überspannenden Fläche von etwa 200 x 200 Metern ist das natürlich ein extremer architektonischer Aufwand. Einfach Wahnsinn, was diese klugen Köpfe der TU Darmstadt da in den letzten Wochen geleistet haben!

Die Entwürfe können sich sehen lassen.

Wie gut die Wellen werden und wie viel ein Tag surfen kosten soll lest ihr auf der nächsten Seite.